Er ist ein Weltstar: Sven Andrighetto. Der Schweizer Nationalspieler und Flügelstürmer der ZSC Lions zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten und prägendsten Persönlichkeiten des Schweizer Eishockeys. Erst kürzlich gewann der ehemalige NHL-Profi mit der Schweiz seine vierte WM-Silbermedaille. Im Interview spricht der 33-Jährige über die besondere Bedeutung einer Weltmeisterschaft im eigenen Land, seine internationale Karriere sowie die Rolle von Fitness, Regeneration und mentaler Stärke auf höchstem Niveau.
FITNESS TRIBUNE: Sven, wie geht es dir aktuell – gerade mit Blick auf deine schwere Verletzung und die vergangenen Wochen?
Sven Andrighetto: Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Ich hatte eine Gehirnerschütterung, das ist natürlich nie einfach, weil man da sehr vorsichtig sein muss. Ich habe eine Zeit lang pausiert und musste meinem Körper wirklich die nötige Ruhe geben. Inzwischen bin ich auf einem guten Weg, arbeite viel mit den Physios und taste mich Schritt für Schritt wieder heran. Wichtig ist, nichts zu überstürzen – gerade bei so einer Verletzung.
Das klingt nach einer herausfordernden Phase. Rund um die Heim-WM, bei der ihr Silber gewonnen habt, hast du alles investiert, um rechtzeitig wieder auf dem Eis zu stehen. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Es war definitiv eine intensive Zeit. Die WM war ein grosses Ziel für mich, entsprechend fokussiert bin ich die Reha angegangen. Man verbringt viele Stunden im Kraftraum, in der Physiotherapie und arbeitet sehr detailliert an einzelnen Bereichen. Gleichzeitig ist Geduld gefragt, was nicht immer leicht ist, wenn man eigentlich so schnell wie möglich wieder spielen will. Aber genau das gehört dazu: auf den Körper hören und langfristig denken.
Zumal es eine ganz besondere Weltmeisterschaft war – eine WM im eigenen Land. Auch Zürich, deine Heimatstadt, war Austragungsort. Welche Bedeutung hatte das für dich?
Eine Heim-WM ist wirklich etwas ganz Besonderes. Vor den eigenen Fans zu spielen, mit der Familie und Freunden auf der Tribüne – das ist ein Gefühl, das man nicht oft erlebt. Gerade weil das Turnier während der Corona-Zeit einmal abgesagt wurde, war die Vorfreude diesmal noch grösser. Man hat gespürt, wie viel das den Menschen bedeutet. Für mich persönlich, als Schweizer, war es natürlich nochmals spezieller – das ist ein echtes Privileg.
Du hast in deiner aussergewöhnlichen Karriere schon viele grosse Momente erlebt. Welche sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
Da gibt es einige. Natürlich war die Heim-WM ein grosses Highlight. Auch mein erstes NHL-Tor war ein ganz besonderer Moment – das vergisst man nicht. Mit der Nationalmannschaft viermal WM-Silber zu gewinnen, gehört definitiv auch dazu. Insgesamt ist es immer eine grosse Ehre, für die Schweiz aufzulaufen. Jedes Turnier hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Emotionen – und genau das macht es so besonders.
Du warst als Spieler auch international erfolgreich und hast bei den grössten Eishockeynationen gespielt. Wie haben dich die Erfahrungen im Ausland geprägt?
Sehr stark. Ich habe in Kanada, den USA, Russland und in der Schweiz gespielt und überall unterschiedliche Eindrücke gesammelt. Die NHL ist natürlich die beste Liga der Welt, was Intensität und Qualität angeht. Gleichzeitig schätze ich heute die Situation in der Schweiz sehr – die Nähe zur Familie und das Umfeld. Je älter man wird, desto mehr weiss man das zu schätzen.
Zurück zu den Wurzeln also – dorthin, wo alles begann. Wann standest du zum ersten Mal auf dem Eis?
Ich war ungefähr drei Jahre alt, als ich das erste Mal auf dem Eis stand. Mein älterer Bruder hat gespielt, mein Vater auch ein bisschen – so bin ich da reingewachsen. Ich fand das von Anfang an faszinierend und hatte einfach Spass daran. Dass ich dieses Hobby später zum Beruf machen konnte, ist natürlich etwas, wofür ich sehr dankbar bin.
30 Jahre später ist deine Begeisterung für Eishockey immer noch geblieben. Warum?
Es ist die Kombination aus Geschwindigkeit, Intensität und Teamgeist. Man ist körperlich gefordert, aber auch mental – man muss schnell Ent-scheidungen treffen, immer wach sein. Gleichzeitig ist es ein Teamsport, man erreicht Erfolge nur gemeinsam. Diese Mischung macht es für mich einzigartig.
In der Schweiz hat Eishockey einen enormen Stellenwert und eine lange Tradition. Wie nimmst du das wahr?
Sehr stark. Die National League ist extrem gut besucht, die Fans stehen voll hinter den Teams. Auch die Nationalmannschaft bekommt viel Unterstützung, gerade bei grossen Turnieren. Neben Fussball ist Eishockey definitiv eine der wichtigsten Sportarten in der Schweiz. Die Stimmung in den Arenen ist wirklich etwas Besonderes – auch bei uns in der Swiss Life Arena in Zürich.
Mit den ZSC Lions lief es lange sehr gut – das Playoff-Aus kam dann aber früher als erwartet: Wie blickst du auf die Spiele zurück?
Dass wir ausgeschieden sind, war natürlich enttäuschend. Wir hatten eine starke Regular Season und wollten mehr erreichen, vielleicht sogar den nächsten Titel holen – den dritten in Folge. Im Halbfinale gegen Davos hat es am Ende nicht gereicht. Sie haben verdient gewonnen, aber wir haben sicher auch unsere Chancen nicht optimal genutzt. Gerade in den Playoffs entscheiden oft Kleinigkeiten – und da hat uns in wichtigen Momenten die Effizienz gefehlt.
In der Saison 2024/2025 wurdest du als IIHF-Spieler der Saison ausgezeichnet. Die Erwartungshaltung an dich selbst dürfte entsprechend hoch gewesen sein. Wie zufrieden bist du mit der Spielzeit?
Es war persönlich eine sehr gute Saison. In 41 Spielen habe ich 17 Tore erzielt und 24 Assists gegeben – das entspricht einem Punkt pro Spiel. Insgesamt kann ich zufrieden sein, vor allem, wenn man die Um-stände berücksichtigt. Ich habe die ersten elf Spiele der Regular Season aufgrund eines Fingerbruchs verpasst und konnte in den Playoffs gegen Davos wegen der Gehirnerschütterung nicht eingreifen.
Du bist einer der Führungsspieler im Team. Was nimmt man aus so einer Erfahrung mit?
Man versucht, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Im Eishockey geht es schnell weiter, man hat nicht ewig Zeit, Dinge zu verarbeiten. Wichtig ist, ehrlich zu analysieren, was gefehlt hat, und dann den Fokus neu zu setzen. Als erfahrener Spieler ist es auch meine Aufgabe, im Team voranzugehen und Stabilität zu geben – gerade nach Rückschlägen.
Zumal bei euch jetzt auch ein Umbruch ansteht: Einige wichtige Spieler verlassen das Team, auch Headcoach Marco Bayer musste den Verein verlassen.
Solche Phasen gehören im Profisport dazu. Gleichzeitig bieten sie auch Chancen für neue Spieler, sich zu zeigen. Unser Anspruch bleibt unverändert hoch – wir wollen wie-der ganz vorne angreifen und um Titel spielen.
Auch in der neuen Saison möchtest du wieder einer der Führungsspieler und Leistungsträger der Mannschaft sein. Wie wichtig ist dir Fitnesstraining, um dein Topniveau zu erreichen?
Es ist ein entscheidender Faktor. Auf diesem Niveau ist jeder Spieler technisch stark – der Unterschied liegt oft in der körperlichen Verfassung. Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer – das alles muss stimmen. Was oft unterschätzt wird, ist die Regeneration. Man kann noch so hart trainieren, wenn man sich nicht richtig erholt, bringt es nichts. Diese Balance ist extrem wichtig.
Eishockey gilt als sehr intensive Sportart – worauf kommt es beim Training im Eishockey auf Topniveau besonders an? Das Training ist vom Saisonverlauf abhängig. In der Off-Season liegt der Fokus auf Kraft, Kondition und Schnelligkeit, um die körperliche Basis zu schaffen. In der Vorbereitung mit der Mannschaft – etwa in Trainingslagern – stehen neben dem Athletiktraining vermehrt Einheiten auf dem Eis und Testspiele im Vordergrund. Während der Saison ist das Training stärker auf Spielrhythmus und taktische Abläufe ausgerichtet. In den Playoffs oder bei Turnieren wie der WM gewinnt die Regeneration an Bedeutung. Ziel ist es, für jedes Spiel topfit zu sein – die Einheiten dienen dann vor allem dem Feinschliff.
Fitnesstraining spielt eine wichtige Rolle im Leistungssport. Wie unterscheidet es sich während einer Verletzung?
Es geht vor allem darum, den Körper wieder in einen optimalen Zustand zu bringen. Nach einer Verletzung arbeitet man sehr gezielt: an Stabilität, Kraft und Beweglichkeit. Die Zusammenarbeit mit den Physios ist extrem wichtig. Man analysiert viel und versucht, nicht nur wieder fit zu werden, sondern langfristig noch besser zurückzukommen.
Das ist sicherlich auch mental anspruchsvoll. Wie gehst du damit um?
Der mentale Bereich ist ein riesiger Teil des Spiels. Man steht ständig unter Druck, hat Erwartungen von aussen und an sich selbst. Verletzungen gehören leider auch dazu. Mit der Zeit lernt man, besser damit umzugehen und Dinge auch mal auszublenden. Für mich ist es wichtig, einen Ausgleich zu haben – Zeit mit der Familie, einfach auch mal abschalten. Das hilft, langfristig konstant Leistung zu bringen.
Apropos Familie: Deine Mutter und deine Schwester betreiben mit dem „Move Me“ ein Reformer Pilates Studio in Wallisellen. Spielt das auch in deinem Training eine Rolle?
Ja, ich war schon ein paar Mal dort. Gerade im Sommer oder an freien Tagen nutze ich das sehr gern als wertvolle Ergänzung. Pilates ist ein guter Ausgleich zum klassischen Krafttraining mit viel Gewicht, weil es andere Muskelgruppen anspricht und auch Stabilität und Koordination verbessert. Ausserdem unterstütze ich meine Familie dabei natürlich gern – sie stecken in das Reformer Pilates Studio genauso viel Herzblut hinein wie ich in meinen Sport und unterstützen mich umgekehrt ebenso.
Sven Andrighetto zählt zu den prägendsten Figuren des Schweizer Eishockeys. Der Zürcher Flügelstürmer sammelte früh internationale Erfahrung bei den stärksten Eishockey-Nationen der Welt und spielte mehrere Jahre in der NHL für die Montréal Canadiens und Colorado Avalanche. Seit seiner Rückkehr in die Schweiz ist er Leistungsträger und Führungsspieler bei den ZSC Lions – und zugleich fester Bestandteil der Nationalmannschaft, mit der er mittlerweile viermal WM-Silber gewann.




