Kraftvoll. Ausdauernd. Hybrid?

Kraft oder Ausdauer? Lange galt beides als schwer vereinbar. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass immer mehr Menschen erfolgreich beide Trainingsformen kombinieren. Dieser Artikel erklärt, worauf es beim Hybrid-Traning ankommt.

„Mach kein Cardio, sonst verlierst du Muskeln.“ Diese Aussage über den sogenannten Interferenzeffekt von Kraft- und Ausdauertraining hält sich hartnäckig und prägt bis heute die Trainingspraxis vieler Fitnesssportler. Gleichzeitig zeigt sich ein gegenteiliger Trend: Immer mehr Menschen kombinieren Kraft- und Ausdauertraining gezielt, um etwa eine sportartspe-zifische Leistungsfähigkeit aufzubauen oder ihre Gesundheit und Fitness zu verbessern. Diese Entwicklung wirft jedoch eine zentrale Frage auf: Ist Hybrid-Training tatsächlich eine sinnvolle Trainingsstrategie oder führt die Kombination zwangsläufig zu negativen Wechselwirkungen in einem der beiden Trainingsbereiche, die die Entwicklung der Kraft- oder Ausdauerleistungsfähigkeit hemmen?

Warum die Studienlage widersprüchlich wirkt

Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur liefert zunächst kein einheitliches Bild. Während einzelne Studien geringere Kraftzuwächse bei kombiniertem Training zeigen, finden andere keine signifikanten Unterschiede. Diese scheinbaren Widersprüche lassen sich jedoch erklären. Die in den Studien untersuchten Trainingsprogramme unterscheiden sich in Intensität, Umfang, Reihenfolge und Zielsetzung, ebenso wie die untersuchten Personen hinsichtlich Trainingsstatus und Erfahrung. Entsprechend variieren auch die Ergebnisse. Die Erkentniss lautet daher: Die Wirkung von Hybrid-Training ist nicht grundsätzlich widersprüchlich, sondern abhängig von der Zielsetzung, Trainingsgestaltung und dem Trainingsstaus der Person.

Was im Körper passiert

Kraft- und Ausdauertraining führen zu unterschiedlichen, aber grundsätzlich natürlich jeweils positiven Anpassungen. Krafttraining fördert insbesondere die Entwicklung von Muskelkraft und Muskelmasse, während Ausdauertraining die Energiebereitstellung und Ermüdungsresistenz verbessert (Fyfe et al., 2014). Werden beide Trainingsformen kombiniert, kann es zu einer Interaktion dieser Anpassungsprozesse kommen, da auf molekularer Ebene antagonistische intrazelluläre Signalpfade angesprochen werden. Diese Interferenz beschreibt, dass der Körper nicht alle Anpassungen gleichzeitig maximal priorisieren kann.Entscheidend ist: Es handelt sich nicht um einen Widerspruch, sondern um eine Verschiebung von Anpassungsschwerpunkten.

Der Interferenzeffekt im Kontext

Historisch geht die Diskussion um mögliche Interferenzeffekte beim kombinierten Kraft- und Ausdauertraining auf die Arbeit von Hickson (1980) zurück, in der erstmals eine abgeschwächte Kraftentwicklung bei gleichzeitigem Ausdauertraining beschrieben wurde. Weitere Übersichtsarbeiten, etwa die Metaanalyse von Wilson et al. (2012), zeigten geringere Kraftzuwächse bei kombiniertem Training, vor allem im Unterkörper. Ergebnisse wie diese trugen zur Entstehung des verbreiteten Verständnisses bei, dass Ausdauertraining die Effekte von Krafttraining beeinträchtigt. Neuere Metaanalysen relativieren jedoch diese Sichtweise. Schumann et al. (2021) berichten keine signifikanten Unterschiede in der Muskelhyper-trophie, während Huiberts et al. (2024) lediglich geringe Effekte auf die Maximalkraft feststellen.

Wann sich Training in die Quere kommt

Entscheidend ist weniger die Kombination selbst als deren Umsetzung. Wenn Kraftaufbau oder Muskelhyperthrophie im Fokus stehen, sollte Krafttraining vor Ausdauertraining erfolgen, denn nach intensiver Ausdauerbelastung ist die muskuläre und zentrale Ermüdung erhöht, was sich in reduzierter Kraftleistung, geringerer Trainingslast und veränderter Technik widerspiegeln kann. Der realisierbare Trainingsreiz für Kraft- und Muskelaufbau kann dadurch geringer ausfallen. Kraft- und Ausdauertrainingseinheiten sollten zur Optimierung der Anpassungsreaktionen an unterschiedlichen Tagen ausgeführt werden. Erlauben die Rahmenbedingungen keine Aufteilung des Trainings auf verschiedene Tage, sollten die Regenerationszeiten zwischen den unterschiedli-chen Trainingseinheiten mindestens sechs Stunden betragen (Robineau et al., 2016).

Werden beim Krafttraining andere Muskelgruppen trainiert als durch die nachfolgende Ausdauertrainingseinheit beansprucht werden, so sind keine oder nur geringe Interferenzen zu erwarten (Tomiya et al., 2017). Auch die Trainingsmodalität spielt eine Rolle. Lauftraining führt aufgrund höherer mechanischer und muskulärer Belas-tung häufig zu stärkeren Beeinträchtigungen, insbesondere im Unterkörper, als zyklische Belastungsformen wie Radfahren. Folglich sollte der Einsatz hoher Laufumfänge bei primärer Kraftorientierung gezielt geplant und im Hinblick auf die individuellen Trainingsziele abgewogen werden.Ein weiterer zentraler Faktor ist das Trainingsvolumen. Häufig wird pauschal angenommen, dass „zu viel Cardio den Fortschritt bremst“. Präziser formuliert betrifft dies vor allem die Entwicklung  von  Maximalkraft,  Schnellkraft  und  teilweise auch den Muskelaufbau. Entscheidend ist daher nicht das Ausdauertraining an sich, sondern die Gesamtbelastung und deren gezielte Steuerung. Das Verhältnis von 3:1, also drei Krafttrainingseinheiten zu einer Ausdauertrainingseinheit pro Woche, sollte bei einem primären Ziel der Kraftsteigerung und des Muskelaufbaus nicht überschritten werden. Ist das Primärziel bei Hybrid-Training hingegen die Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit, muss das Verhältnis der Trainingshäufigkeiten entsprechend angepasst werden.

Individuelle Unterschiede und Zielgruppen

Ein häufig unterschätzter Aspekt im Kontext von Hybrid-Training sind individuelle Unterschiede in der Anpassungsfähigkeit.  Trainingsstatus,  genetische  Voraussetzungen  sowie sportliche Vorerfahrung beeinflussen, wie stark sich mögliche Interferenzeffekte tatsächlich ausprägen. Während untrainierte oder moderat trainierte Personen in der Regel sowohl Kraft als auch Ausdauer gleichzeitig deutlich verbessern können, zeigen sich potenzielle Interferenzeffekte vor allem bei fortgeschrittenen Athletinnen und Athleten, die bereits ein höheres Leistungsniveau erreicht haben (Fyfe et al., 2014). Mit zunehmender Spezialisierung wird es schwieriger, mehrere Fähigkeiten parallel auf hohem Niveau weiterzuentwickeln. In solchen Fällen gewinnt eine differenzierte Trainingsplanung an Bedeutung, bei der einzelne Leistungsdimensionen phasenweise priorisiert werden. Gleichzeitig kann Hybrid-Training auch im leistungsorientierten Kontext sinnvoll eingesetzt werden, etwa zur Verbesserung der allgemeinen Belastbarkeit oder als Bestandteil periodisierter Trainingsmodelle (Fyfe et al., 2014). Für  ein  gesundheitsorientiertes  Fitnesstraining  bleibt  der kombinierte Ansatz besonders empfehlenswert. Die gleichzeitige Entwicklung von Kraft und Ausdauer trägt nicht nur zur allgemeinen Leistungsfähigkeit bei, sondern wirkt sich auch positiv auf kardiovaskuläre Gesundheit, Stoffwechsel und funktionelle Belastbarkeit im Alltag aus (Garber et al., 2011).

Einordnung für die Praxis

Aus  trainingswissenschaftlicher  Sicht  stellt  Hybrid-Training eine effektive Möglichkeit dar, mehrere Leistungsdimensionen gleichzeitig zu entwickeln. Bei sinnvoller Planung lassen sich Kraft und Ausdauer ohne relevante Leistungseinbussen parallel verbessern.Für die Mehrheit der Trainierenden ist dies von hoher prak-tischer Relevanz. Im Alltag und im gesundheitsorientierten Training stehen selten die Maximierung einer einzelnen Fähigkeit im Vordergrund, sondern vielmehr ein ausgewogenes Leistungsprofil. Einschränkungen ergeben sich vor allem bei stark spezialisierten Zielsetzungen. In Disziplinen mit Fokus auf maximale Kraft (z. B. Kraftdreikampf) oder maximale Muskelmasse kann ein hoher Ausdaueranteil die Zielerreichung erschweren. Darüber hinaus zeigt sich, dass die konkrete Trainingsgestaltung eine entscheidende Rolle spielt. Trainingsvolumen, Intensität, Frequenz sowie die zeitliche Abstimmung der Einheiten bestimmen massgeblich, in welchem Ausmass mögliche Interferenzeffekte tatsächlich auftreten. Durch eine gezielte Steuerung und einfache Strategien, wie die Priorisierung bestimmter Trainingsinhalte, lassen sich potenzielle Zielkonflikte in der Praxis deutlich reduzieren. Insgesamt wird deutlich, dass der Interferenzeffekt zwar wissenschaftlich belegt ist, seine praktische Relevanz jedoch häufig überschätzt wird. Entscheidend ist weniger die Kombination von Kraft- und Ausdauertraining an sich, sondern die Art und Weise, wie diese im Trainingsalltag umgesetzt wird. Für die meisten Trainierenden überwiegen die Vorteile eines kombinierten Trainings deutlich, während Einschränkungen vor allem im leistungsorientierten und stark spezialisierten Kontext relevant werden.

FAZIT

Hybrid-Training wird häufig infolge einer undifferenzierten Betrachtung entweder überschätzt oder vorschnell kritisiert. Zwar existiert ein Interferenzeffekt, seine praktische Relevanz ist jedoch deutlich geringer als oft angenommen. Entscheidend ist nicht die Frage, ob Kraft- und Ausdauertraining kombiniert werden sollten, sondern wie diese Kombination gestaltet wird. Trainingsreihenfolge sowie Umfang und Auswahl der Belastungsformen bestimmen, ob sich Anpassungen gegenseitig behindern oder sinnvoll ergänzen. Aus trainingswissenschaftlicher Sicht lässt sich festhalten, dass Kraft- und Ausdauertraining unterschiedliche, aber grundsätzlich kompatible Anpassungsziele verfolgen. Werden diese gezielt gesteuert, entsteht kein Widerspruch, sondern ein leistungsfähiges Gesamtsystem.

Auszug aus Literaturliste

Fyfe, J. J., Bishop, D. J., & Stepto, N. K. (2014). Interference between concurrent resistan-ce and endurance exercise: Molecular bases and the role of individual training variables. Sports Medicine, 44(6), 743–762.
Garber, C. E., Blissmer, B., Deschenes, M. R., Franklin, B. A., Lamonte, M. J., Lee, I., Nie-man, D. C., & Swain, D. P. (2011). Quantity and quality of exercise for developing and maintaining cardiorespiratory, musculoskeletal, and neuromotor fitness in apparently healthy adults. Medicine & Science in Sports & Exercise, 43(7), 1334–1359.
Gao, J., & Yu, L. (2023). Effects of concurrent training sequence on VO2max and strength performance. Frontiers in Physiology, 14, 1072679.

Für eine vollständige Literaturliste kontaktieren Sie bitte info@fitness-tribune.com.

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