Wie aus einer Schnapsidee ein Fundament wurde

Shelly und Maximilian sitzen nebeneinander an einem schlichten Schreibtisch. Er trägt eine schwarze Kappe und einen dunklen Hoodie, sie ein weisses Oberteil. Hinter ihnen reicht ein grosses Fenster bis unter die Decke, dahinter ein wolkenloser Himmel. Die Wände sind weiss. Die beiden müssen nicht lange überlegen, sobald eine Frage gestellt wird. Sie nicken, ergänzen einander und erzählen ihre Geschichte fast so, als hätten sie sie schon oft gemeinsam erzählt.

Mehr als eine Schnapsidee

Vor einem halben Jahr stand Maximilian noch an einem anderen Punkt. Nach Jahren als Profi-Triathlet beendete er seine Karriere und suchte nach einer neuen Herausforderung. HYROX hatte ihn schon länger fasziniert – nicht zuletzt, weil immer mehr Ausdauersportler den Wechsel wagten. Also machte er sich auf die Suche nach Trainingsmöglichkeiten in seiner Heimat. „Doch ich habe gleich bemerkt, dass es bei uns kaum etwas gibt, um für HYROX wirklich effizient oder auch professionell zu trainieren.“ Seiner Partnerin Shelly stellte er deshalb eine einfache Frage: „Wieso machen wir es eigentlich nicht selbst?“ Als Maximilian diese Anekdote erzählt, blickt er zu Shelly,  grinst und lehnt sich zurück. „Also ja … das war dann erst nur so eine Schnapsidee, aber nicht lange.“

Während eines Urlaubs im September ging ihnen der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Aus der Idee wurde ein konkreter Plan. „Da haben wir auf einmal gesagt: Ich glaube, wir müssen es echt durchziehen und machen. Wieso sollen wir nicht mal was machen, worauf wir richtig Lust haben? Ja, es ist eine grosse Herausforderung – aber das hab ich eigentlich immer gesucht. Und Shelly auch“, erinnert sich Maximilian. Gerade bei der Suche nach passenden Räumlichkeiten zeigte sich schnell, dass HYROX andere Anforderungen stellt als ein klassisches Fitnessstudio. „Die Auswahl war relativ gering“, erzählt Shelly. Für die Wall Balls brauchte es ausreichend Raumhöhe, für Laufeinheiten und Schlittenschieben eine entsprechende Länge. Als passende Räume in Widnau gefunden waren, erschwerte die Weihnachtszeit den Aufbau: Lieferungen verzögerten sich, vieles musste kurzfristig organisiert werden. Trotzdem fügte sich alles zusammen. Ende Januar 2026 öffnete die Hybrid Zone Rheintal schliesslich ihre Türen.

Mehr als Sekunden

Die Idee? „Wir wollen nicht einfach nur 500 Leute haben und diese abfertigen. Wir möchten die Leute individuell betreuen“, sagt Shelly. Dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Gespräch: Wettkämpfe und Intensität gehören dazu, müssen aber nicht für alle das Ziel sein. Entscheidend ist, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Ob ambitionierte Athletin oder Einsteiger: Jede Betreuung beginnt mit der Frage, welche Erfahrungen und Ziele jemand mitbringt. „Neue Mitglieder frage ich: Was hast du überhaupt schon gemacht? Hast du schon Wettkämpfe absolviert? Hast du schon Erfahrung? Jeder kommt ja von irgendwo her“, fasst Maximilian zusammen und fügt an: „Es kommen Athletinnen und Athleten, die schon einige Wettkämpfe gemacht haben und sich weiter professionalisieren wollen. Aber wir sprechen genauso Menschen an, die einfach fitter oder leistungsfähiger im Alltag werden möchten.“ Wer sich gezielt vorbereiten möchte, erhält eine individuelle Trainingsplanung und Eins-zu-eins-Coaching. Andere finden im Gruppentraining ihren Platz.

Mehr als Vollgas

Diese Flexibilität unterscheidet ihr Konzept von vielen Vorstellungen, die sich inzwischen um HYROX entwickelt haben. In sozialen Medien prägen Schweiss, Bestzeiten und spektakuläre Workouts mitunter das Bild von HYROX. Für Maximilian greift diese Darstellung zu kurz. Er sagt: „Viele Leute haben schon einiges gesehen von HYROX. Jeder postet irgendein neues Training – noch mehr, noch schneller, noch härter. Wir wollen es schaffen, dass die Leute begreifen, dass professioneller Sport eigentlich ganz anders abläuft.“

Der ehemalige Profi-Triathlet spricht dabei aus eigener Erfahrung. Wer über viele Jahre auf hohem Niveau trainiert habe, wisse, dass Spitzenleistungen selten durch permanente Höchstbelastung entstünden. Viel wichtiger sei eine stabile Grundlage – körperlich wie mental. Nach diesem Prinzip werde in der Hybrid Zone Rheintal mit allen Mitgliedern gearbeitet – unabhängig von ihrem Leistungsstand. Diesen Gedanken erklärt Maximilian mit einem Bild: Man könne zwar ein beeindruckendes Haus bauen, sagt er sinngemäss. Entscheidend sei jedoch, worauf es stehe. Ein solides Fundament sehe zunächst unspektakulär aus, trage aber das gesamte Gebäude. Im Training sei es genauso: Wer dauerhaft besser werden wolle, müsse zunächst an den Grundlagen arbeiten. „Professioneller Sport läuft eigentlich sehr viel im unteren Bereich ab, also in der Grundlage und im Ausdauerbereich. Eigentlich finden 80 Prozent des Trainings dort statt und nur etwa 20 Prozent im oberen, anaeroben Bereich“, analysiert der 33-Jährige.

Mehr als Einzelkämpfer

Dass Anfänger und Wettkampfsportler gemeinsam trainieren, ist ausdrücklich gewollt. Shelly beobachtet diesen Austausch immer wieder im Studio. Jüngere trainieren neben Älteren, Wettkampfsportler neben Einsteigern. So wachse das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. „Für uns ist Community ganz wichtig“, erzählt sie. Und: Dass die Mitgliederzahl noch eher überschaubar ist, kommt der Gemeinschaft zugute. Fast beiläufig wird im Gespräch deutlich, dass dieses Miteinander kein Zufallsprodukt ist. Zwischen den Kursen haben die beiden bewusst Zeit eingeplant, weil Begegnungen genauso zum Konzept gehören wie Kniebeugen, Schlittenziehen oder Wall Balls. Wer möchte, bleibt nach dem Training noch auf einen Kaffee oder Shake. So entwickelt sich das Studio zu einem Ort, an dem Training zwar im Mittelpunkt steht, Leistung aber nicht alles ist. Das Publikum verteilt sich über alle Altersgruppen, ein Treffen wird somit auch mal zum Generationentreff. „Wir haben wirklich Personen von Anfang 20 bis zu meinem Papa, der über 60 ist“, sagt Shelly. Genau diese Vielfalt entspricht ihrem Ziel: ein Studio zu schaffen, in dem sich Leistungs- und Breitensport nicht ausschliessen, sondern gegenseitig bereichern.

Mehr als Trend

Dass hinter der Hybrid Zone Rheintal mehr steckt als die kurzfristige Begeisterung für einen Trendsport, zeigt sich auch an den beiden Gründern. Maximilian, mittlerweile 33 Jahre alt, ist diplomierter Physiotherapeut und ehemaliger Profi-Triathlet. Die 26-jährige Shelly ist Fachfrau für Bewegungs- und Gesundheitsförderung und bringt Erfahrung aus dem Berg- und Trailrunning mit. Gemeinsam absolvierten beide die Ausbildung zum HYROX-Coach. Beide sehen hier vor Ort ihre Überzeugung verwirklicht, wie Menschen langfristig trainieren und sich entwickeln können. Diese Haltung zeigt sich auch im Angebot, das aktuell klar auf HYROX ausgerichtet ist. „Wir wollen nicht 100 verschiedene Sachen anbieten, sondern haben mit HYROX einen klaren Hauptfokus“, sagt Maximilian. Ein Bereich, der neben dem HYROX künftig ausgebaut werden soll, ist das Lauftraining. „Wir wollen nicht nur ein 08/15-Lauftraining machen. Wir möchten den Leuten erklären, warum sie etwas machen. Die Grundlage, die Technik, den Trainingsaufbau. Auch ganz normalen Leuten professionelles Lauftraining näherbringen“, erklärt Maximilian. Das Lauftraining soll dabei nicht in Konkurrenz zum HYROX stehen, sondern als sinnvolle Ergänzung dienen. Auch das zeigt, dass Maximilian und Shelly überlegt vorgehen. Grosse und schnelle Wachstumspläne haben sie sich nicht gesetzt. „Das Ziel war und ist schlicht, dass wir nicht zusätzlich eigenes Geld investieren müssen, nur um die Miete zu bezahlen“, erzählt Shelly. Statt möglichst schnell zu wachsen, möchten sie ihr Angebot Schritt für Schritt weiterentwickeln – etwa mit Workshops, Lauftechnik und individueller Trainingsplanung. Auch in Zukunft wollen Shelly und Maximilian das Studio zunächst zu zweit führen. „Momentan ist eigentlich nicht geplant, das Team auszubauen“, sagt Shelly. Neben der gemeinsamen Philosophie spiele dabei auch die wirtschaftliche Vernunft eine Rolle. Zusätzliche Mitarbeitende würden in der frühen Phase vor allem zusätzlichen Druck bedeuten. Trotz des bewusst langsamen Wachstums wächst die Bekanntheit des Studios allmählich. Inzwischen kommen auch Menschen ausserhalb von Widnau zur Hybrid Zone – weniger durch grosse Werbekampagnen als durch persönliche Empfehlungen. „Wir mussten das von klein auf aufbauen. Immer wieder auf Instagram posten und hoffen, dass sich das unter den Leuten verbreitet“, berichtet Shelly. Ausserdem bringen auch Mitglieder immer mal wieder Freunde mit, Kolleginnen erzählen Kollegen von der Hybrid Zone. Auch regionale Medien wurden laut Shelly auf das Konzept aufmerksam.

Mehr als Müssen

Unterstützt wird der persönliche Ansatz durch eine App, über die sich Mitglieder unkompliziert für ihre Kurse anmelden können. Mehr soll sie nicht leisten. „So können wir persönlich mit unseren Kunden bleiben“, sagt Shelly. Sie und Maximilian sehen in der Hybrid Zone einen Ort, den sie selbst lange gesucht haben: professionell, persönlich und offen für Wettkampfsportler ebenso wie für Menschen, die einfach etwas für ihre Gesundheit tun möchten. „Wenn jemand einen richtig harten Arbeitstag hatte und müde ist, geht es nicht darum, über die Grenze zu gehen, es geht zunächst darum, dass überhaupt etwas getan wird und die Bewegung guttut“, erklärt Maximilian die grundsätzliche Haltung, die in der Hybrid Zone vorherrscht. Und vielleicht erklärt ja genau das, warum aus einer beiläufig ausgesprochenen „Schnapsidee“ erste vielversprechende Monate wurden. Kurz vor Ende des Gesprächs verabschiedet sich Maximilian. „Gruppenkurs“, sagt er. „Ich möchte mich noch etwas vorbereiten.“

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